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Seelsorger trifft Seelenforscherin: Fliegen Engel waagrecht oder senkrecht?

Ein Pfarrer und eine Psychoanalytikerin kommen ins Gespräch über das Gute und das Böse im Menschen und über ihr Engagement für Aussenseiter und Randständige. Pfarrer Andreas Balmer wirkte bis zu seiner Pensionierung 30 Jahre lang in der Thuner Stadtkirche. Elisabeth Steiner führt seit 1983 in Zürich eine Praxis, in der sie Kriegs- und Folteropfer behandelt.

Der Erstklässler darf auf die Wandtafel eine Szene der Weihnachtsgeschichte zeichnen. Es ist das Jahr 1940. Der Bub Andreas, ein Bauernsohn aus dem Michelsforst bei Rosshäusern, ist das jüngste von vier Geschwistern, ein Nachzügler. An Weihnachten holt der Vater jeweils die Familienbibel aus dem Schlafzimmer, erzählt die Weihnachtsgeschichte im Kreis der Familie und schliesst mit den immer gleichen Worten: «dass mir wüsse, werum Wiehnachte isch». Der 89-jährige, pensionierte Pfarrer Andreas Balmer erzählt seinem Besuch diese Anekdote. Er und die 80-jährige Psychotherapeutin Elisabeth Steiner treffen sich an einem sonnigen  Nachmittag im Dezember in der Wohnstube von Andreas Balmer und seiner Lebenspartnerin in Thun. Sie haben sich vorher nicht gekannt. Und doch finden sie sofort Gemeinsamkeiten: Gleich zu Beginn tauschen sie sich über Lehrpersonen aus, die am Berner Gymnasium Kirchenfeld unterrichteten. Beide haben die Mittelschule dort absolviert. Aber sie werden noch etliche andere Themen streifen an diesem Nachmittag: Obdachlose und Strafgefangene etwa oder Andreas Balmers Verbundenheit mit Russland und Elisabeth Steiners Erfahrungen in Ruanda nach dem Genozid 1994.

Engel in der Höhe und Freud auf dem Altar

«Aber wie ging das weiter mit Ihrer Geschichte in der Schule?», fragt Elisabeth Steiner. In der vorweihnachtlichen Schulstube hat der Bub die Aufgabe, die Verkündigung an die Hirten auf dem Feld ins Bild zu setzen. Er malt den Himmel voller Engel. Viele Jahre später erinnert sich Andreas Balmer: «Weil ich mit der Gabe gesegnet war, logische Schlüsse zu ziehen, zeichnete ich die Engel nach dem Muster der sichtbaren Natur.»  Auf der Wandtafel flogen die Engel deshalb nach dem Vorbild der Vögel kopfvoran durch die Luft. Grosses Gelächter und Proteste im Schulzimmer: Engel würden doch senkrecht fliegen, niemals bäuchlings. «So stiess ich schon früh in meinem Leben auf heikle theologische Fragen.» Szenenwechsel: Etwa ein Jahrzehnt später entdeckt das Mädchen Elisabeth in einer Jugendstilvilla im Berner Kirchenfeldquartier auf dem Estrich zwei grosse Rucksäcke und dazu Schlafsäcke. Komisch, denkt sie, Vater und Mutter wandern doch gar nicht. Die Eltern sind beide Ärzte, verstehen sich als Atheisten und sind Anhänger der Psychoanalyse. Sigmund Freud sei in ihrer Familie gleichsam auf einem Altar gestanden, sagt Elisabeth Steiner über 70 Jahre später. Weihnachten wird zwar auch gefeiert, es gibt einen Baum und Geschenke, aber es ist kein besinnliches Fest. Auf die Rucksäcke angesprochen, erklären die Eltern, dass sie bei einem Einmarsch deutscher Truppen beide Kinder und die zwölf kostbaren Sigmund-Freud-Bände unverzüglich in das Stöckli der Familie im Emmental verfrachtet hätten.

Beruf und Berufung

Im Gymnasium entschied sich der Bauernsohn Andreas Balmer für Latein und Griechisch, eine Wahl, die ihm seine Eltern nicht abnehmen wollten oder konnten. Ob er denn schon damals ein Theologiestudium im Hinterkopf gehabt  habe, fragt Elisabeth Steiner. Eigentlich nicht, sagt Balmer und schüttelt den Kopf. «Die Wahl war irrational.» Für die Theologie habe er sich drei Wochen vor der Matura entschieden.  Elisabeth Steiner war bei der Matura längst klar, dass sie Psychologie in Zürich studieren wollte – in der Stadt, in der sie auch heute noch lebt. Nun sitzen sie zusammen bei Kaffee und Kuchen. Da ist die Atheistin, für welche die Gottesvorstellung des Menschen eine Illusion ist. Und da ist der langjährige Pfarrer, der auf einem Bauernhof aufwuchs, wo alles seine Ordnung hatte. «Eine göttliche Ordnung würde ich es aber nicht nennen», sagt er und lacht.

Die Mutter war mehr für das Haus und die «Pflanzig» zuständig, der Vater für Stall und Felder. Der Horizont der Eltern hörte aber nicht am Gartenzaun auf, sie waren leidenschaftliche Leser und führten, wie Andreas Balmer es nennt, «den Glauben nicht auf der Zunge». Ganz anders war das Umfeld von Elisabeth Steiner, sie lebte seit ihrem vierten Lebensjahr in einem Haus mit zwölf Zimmern. Das Quartier wirkte ausgestorben, auf der Strasse war kaum Leben. Arme Menschen bekam sie praktisch nie zu Gesicht: «In meiner Welt gab es nur Menschen, die in stattlichen Villen wohnten.» Am Mittagstisch wurden intensiv philosophische Fragen diskutiert – etwa die Thesen der Existenzialisten um Camus und Sartre. Sie las als Jugendliche den «Mythos des Sisyphos» von Albert Camus. Seine Hauptaussage: Das Leben ist sinnlos. Diese Sinnlosigkeit zu akzeptieren, ist der einzige Sinn des Lebens. Dies konnte das junge Mädchen mit dem Kopf begreifen, aber seine Gefühle überzeugte das nicht. Sie fand darin keine Hoffnung und kam sich vor wie ein heimatloser Flüchtling auf der Welt.

Die «geringsten» Brüder und Schwestern

Mit Heimatlosen aller Art kommt Andreas Balmer sowohl als Kind als auch später als Pfarrer regelmässig in Kontakt. «Es wird immer Nichtsesshafte geben, Vagabunden, Ruhelose, Randständige, Unangepasste», sagt er. Sowohl das Pfarrhaus in Erlach als auch das in Thun befanden sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche. «Der Kirchturm zeigt den Brüdern der Landstrasse schon aus der Ferne die Richtung an.» Nicht selten wurden dem Pfarrer traurige Geschichten und Lügen aufgetischt,  auf dass der Pfarrer Geld locker machte. Es gab markante Figuren wie den 2-Meter-Hünen Galetzki, der sehr belesen war und als Staatenloser quer durch Europa wanderte. Seine Kinder hätten immer Freude gehabt, wenn er aufgetaucht sei, sagt Andreas Balmer, «denn er konnte wunderbar Geschichten erzählen». Von so vielen ständig um Geld gefragt zu werden, müsse doch auf Dauer schwer auszuhalten sein, findet Elisabeth Steiner. Wäre sie Pfarrerin gewesen, hätte sie den Bittstellern wohl manchmal beschieden: «Beim Sozialdienst bekommen Sie finanzielle Hilfe, bei mir erhalten Sie seelsorgerische Unterstützung.» Balmer lächelt, er habe sich schon zu helfen gewusst und wenn nötig abgegrenzt. «Ich gab kein Geld für Alkohol, sondern Migros-Gutscheine.» Manchmal waren es auch Naturalien, die er später oft auf dem Mäuerchen vor dem Pfarrhaus wieder erblickte. Andreas Balmer hatte bereits als Kind Vaganten und Hausierer kennen gelernt. Regelmässig machten sie auf dem Bauernhof ihre Aufwartung. Nachdem die Bauernfamilie gegessen hatte, durften die Gäste jeweils in die Küche. Zu diesem Zweck, so erinnert sich Balmer, gab es spezielles «Vagantengeschirr», das ganz unten im Küchenschrank aufbewahrt und nur für diese besonderen Gäste benutzt wurde. «Man spürt, dass sie diese Obdachlosen und komischen Käuze gerne hatten», sagt Elisabeth Steiner. »Die Beziehung zu Ihnen war für viele dieser Menschen zweifellos emotional wichtig, weil sie in Ihnen ein mitfühlendes Gehör fanden.«

Auch in der Strafanstalt Witzwil versuchte Balmer als Gefängnispfarrer, den Strafgefangenen vorurteilslos Gehör zu schenken. Er erinnert sich an eine Weihnachtsfeier in der Strafanstalt. Neben dem Direktor und den Angestellten samt Familien waren auch rund 200 Gefangene anwesend. Nachdem er eine kurze Predigt gehalten hatte, wurde im grossen Saal gesungen. Balmer erinnert sich, wie die Gefangenen die bekannten Weihnachtsmelodien «fast hinausbrüllten». Erschütternd und unvergesslich sei dies gewesen, «weil sich in diesem Gebrüll so viel Elend verbarg, Heimweh, Leid, Wut, zerbrochene Hoffnung, zerbrochene Liebe». Manchmal konnte er aber auch konkret etwas bewirken. Zuweilen sei er ein «halblegales» Bindeglied zwischen den Gefangenen und den Angehörigen gewesen. «Sie hatten ja wenig Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren, ein Brief pro Monat.» Da habe er hin und wieder den «postillon d’amour» gespielt und versucht, Probleme zu mildern. Oder da war dieser Gefangene, der seine Kinder sehr vermisste. Sein Delikt: Er hatte die Mutter dieser Kinder, angestiftet von einer Geliebten, mit einem Beil erschlagen. Später kam es im Wohnzimmer von Pfarrer Balmer zu einer rührenden Begegnung mit seinen Kindern. Der damalige Regierungsrat und Justizdirektor Robert Bauder hatte vorher seine Einwilligung gegeben. Elisabeth Steiner ist beeindruckt, wie sich Balmer hartnäckig bei den Behörden dafür einsetzte, dass der Gefangene seine Kinder treffen konnte. «Der Täter hatte daran gelitten, dass er seine Kinder nicht sehen konnte. Als Psychologin hätte ich mich ebenfalls dafür eingesetzt.»

Schuld und Sühne

Mit einem gewissen Erstaunen stellt Balmer im Rückblick fest, dass die Straftäter selten über ihre Straftaten sprachen und sich im Gespräch kaum mit ihrer Schuld auseinandersetzten. Elisabeth Steiner stimmt zu: «Als ich in der Strafanstalt Regensdorf Gruppentherapien mit Tätern durchführte, machte ich dieselbe  Erfahrung.» Sie arbeitete damals mit Insassen, die freiwillig eine Therapie machten. «Die Teilnehmer unserer Gruppentherapie konnten über das reden, was sie wollten.» Dann kam die Zäsur: Im Jahr 1993 wurde die 20-jährige Pasquale Brumann in Zürich ermordet. Der Täter war ein mehrfacher Sexualstraftäter, der sich im Hafturlaub befand. Seither arbeite man im Gefängnis «deliktorientiert», sagt Elisabeth Steiner. «Die Täter müssen sich mit der eigenen Straftat auseinandersetzen und auch mit der Schuld, die sie mit der Tat auf sich geladen haben.» Sowohl Andreas Balmer als auch Elisabeth Steiner waren auch im Ausland tätig. Bereits als Fünfjähriger verblüffte Balmer seine Familie mit der festen Überzeugung, schon einmal auf dieser Erde gelebt zu haben. Sein früheres Leben habe er als Jäger und Bauer in Russland verbracht. Auf die Frage, warum er ausgerechnet auf dieses so ferne Russland gekommen sei, wisse er keine Antwort. Er glaube nicht an «Seelenwanderung», sagt Balmer, «aber dass ein fünfjähriger Bub solches äussert, ist eher aussergewöhnlich». Ein Grossonkel habe Familienforschung betrieben und behauptet, die Familie stamme von galizischen Juden ab und käme ursprünglich aus der heutigen Ukraine. Wie dem auch sei: Balmer las früh die russischen Klassiker, lernte später Russisch, zuerst in der Migros-Klubschule, später im Privatunterricht.

Glauben und Helfen

Beeindruckt war Andreas Balmer auch von der tiefen Gläubigkeit vieler Russen. Biblische und andere Wundergeschichten würden kaum hinterfragt. 1988 verbrachte er kurz vor dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums ein Sabbatical in der Geistlichen Akademie in Leningrad. Vor allem das Abendgebet um elf Uhr abends ist ihm unvergesslich. «Im dunklen Saal leuchteten nur ein paar Kerzlein, alle gingen auf die Knie und beteten inständig zur Gottesmutter, das hat mich tief ergriffen.» Sein von der Reformation und der Aufklärung geprägtes theologisches Denken setzte zwar viele Fragezeichen, aber die Faszination der russisch-orthodoxen Liturgie hat ihn nie mehr ganz losgelassen. Kurz nach der Rückkehr aus Leningrad wurde Balmer im «Bund» auf eine besondere Ausstellung in Wiedlisbach aufmerksam: Maler aus der russischen Stadt Kaluga und aus Moskau präsentierten ihre Werke. Andreas Balmer besuchte die Ausstellung und lernte ein Ehepaar aus Kaluga kennen. Daraus entstanden ein Choraustausch zwischen Thun und Kaluga, persönliche Beziehungen und schliesslich ein Verein. Der Verein unterstützt in Kaluga von Armut betroffene Kinder und Familien und soziale Institutionen. Nachdem Putin an die Macht gekommen war, begann es langsam «kalt» zu werden, wie Andreas Balmer sagt. «Sie fingen an, uns den Hahn zuzudrehen, die zuständige Sozialvorsteherin ging auf Distanz.» Aber den Verein gibt es immer noch. Hat der Ausbruch des Ukraine-Kriegs seine Russophilie infrage gestellt? Er habe immer schon ziemlich scharf unterschieden zwischen Putinismus und Russland, sagt Balmer, der 2018 vorerst das letzte Mal in Kaluga war. Es habe zwar einzelne Vereinsaustritte nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegeben, aber die Mehrheit des Vereins stehe immer noch zu den Zielsetzungen. «Wir unterstützen nicht Putin, sondern bedürftige Menschen.» Diese Leute seien froh um ein Zeichen des Westens, das ihnen zeige, «dass nicht alle die Russen hassen oder verachten».

Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden

Mit den Folgen von Hass und Zerstörung war auch Elisabeth Steiner konfrontiert, als sie 1993 für therapeutische Einsätze mit bosnischen Kriegsopfern und 1999 in Kosovo kurz nach dem Krieg arbeitete. Im Jahr 2011 arbeitete sie in Ruanda  im Auftrag einer Nichtregierungsorganisation im Versöhnungsprozess. Die Mehrheit der überlebenden Tutsi wohnt seit dem Genozid von 1994 in den Dörfern in engster Nachbarschaft mit den einstigen Tätern, den Hutu. Vor einiger Zeit  hat Elisabeth Steiner geschrieben, das kleine afrikanische Land könnte eine Lektion  für die Menschheit bereithalten, gelinge es doch vielen Ruandern, trotz schwierigsten Bedingungen Hass zu überwinden und Frieden aufzubauen. Mittlerweile sieht sie das kritischer und fragt sich, wann eine Versöhnung denn echt sei. Die Regierung organisiert seit 1995 jährlich im April eine Gedenkwoche an den Genozid mit Veranstaltungen, Vorträgen und Sendungen in Radio und Fernsehen. Opfer können in der Öffentlichkeit vor einem Publikum Zeugenaussagen machen. Die Regierung erwartet, dass die Ruander an den Gedenkwochen teilnehmen. Elisabeth Steiner hat selber erlebt, wie viele Genozidopfer in dieser Zeit in schwere seelische Krisen geraten. «Solche Krisen wären vermeidbar, wenn sie von einer Teilnahme befreit würden», ist Elisabeth Steiner überzeugt. «Die erwartete Teilnahme hat so für viele eine verheerende, retraumatisierende  Wirkung.» Als er ihren Bericht über Ruanda gelesen habe, sagt Andreas Balmer, «da dachte ich, das ist ein wahnsinniger Anspruch, wie diese Versöhnung im nationalen Stil angegangen wird». Andreas Balmer fragt sich, warum die ähnlich ausgerichtete  Wahrheitskommission in Südafrika offenbar besser funktioniert hat. Seine Vermutung: «Nelson Mandela und Bischof Desmond Tutu waren in Südafrika für alle Volksgruppen starke, glaubwürdige Figuren.» Der seit 2000 in Ruanda amtierende Präsident Paul Kagame, ein Tutsi, propagiert bis heute eine Politik der Einheit und der Gleichheit. «Die von den Tutsi begangenen Menschenrechtsverletzungen an den Hutu werden bis heute totgeschwiegen und von den Gerichten nicht behandelt», sagt Elisabeth Steiner. Sie bezweifelt, dass so eine wirkliche Versöhnung gelingen kann.

221 Stufen zu Freud und Leid

Versöhnung, wenn auch mehr auf individueller Ebene, ist auch ein Kernanliegen der Kirche. «Aber, Herr Balmer, hat die Kirche denn eine Daseinsberechtigung, wenn sie sich nicht dezidiert auf die Seite von Randständigen und Aussenseitern, von Flüchtlingen und Kriegsopfern stellt? Andreas Balmer schweigt einen Moment. Er wolle der Frage nicht ausweichen, möchte aber zuerst von den 221 Stufen erzählen.
Die Treppe bei der Thuner Stadtkirche hat nämlich so viele Stufen. Die Kirche macht vieles aus, sagt Balmer. «Während Jahrhunderten wurden dort Särge hinaufgetragen, gefolgt von Menschen, die trauerten und verzweifelt waren.» Aber diese Treppen würden auch Menschen unter die Füsse nehmen, die etwa ein Kind in der Kirche taufen liessen, da herrsche Freude und Hoffnung. «Andere wiederum möchten vielleicht ein Wort hören in der Kirche, das ihnen Orientierung gibt.» Dann gebe es Leute, und zu denen gehöre er, die den Gottesdienst besuchten, um andere Menschen zu treffen und Gemeinschaft zu erleben. «All das ist Kirche.» Elisabeth Steiner hat aufmerksam zugehört: «Was Sie, Herr Balmer, sagen über das Erleben von Gemeinschaft, das hat mich als Atheistin in Ruanda in die afrikanischen Kirchen gebracht.» Sie hat dort hin und wieder Gottesdienste wegen der Atmosphäre, des Gesangs und der Tänze besucht.  «Man wird dort per Handschlag begrüsst, auch der Fremde wird sofort aufgenommen.» Gläubig ist die Psychoanalytikerin trotzdem nicht geworden. Das Böse hält sie für unausrottbar und sagt: «Liebe und Aggression gehören beide zum Wesen des Menschen.» Aber selbstverständlich sei es sinnvoll und wichtig, gegen die zerstörerischen Impulse in sich selbst und bei anderen zu kämpfen. «Ich bin noch eine Antwort schuldig.» Andreas Balmer kommt auf die Frage nach dem Daseinszweck der Kirche zurück. Fast alle Religionen würden Almosen kennen. Es gebe aber  neben der individuellen auch eine strukturelle Armut. Gegen ungerechte, ausbeuterische, despotische Gesellschaften müsse die Kirche mehr tun, als nur Almosen zu geben – denn Almosen seien letztlich doch nur ein Notnagel. «Für Gerechtigkeit auf Erden einzustehen, das ist ein Grundanliegen der Kirche.» Und die Engel seiner Kindheit, fliegen sie jetzt senkrecht oder waagrecht? Andreas Balmer schmunzelt: «Ich glaube, weder noch.»

Andreas Balmer war von 1959 bis 1969 Pfarrer in Erlach am Bielersee. Danach wirkte er bis zu seiner Pensionierung 30 Jahre lang in der Thuner Stadtkirche. Seit den frühen 1990er-Jahren ist Balmer aktiv in einem Verein, der in der Stadt Kaluga, 200 Kilometer südwestlich von Moskau, von Armut betroffene Kinder und Familien und soziale Institutionen unterstützt. Elisabeth Steiner führt seit 1983 in Zürich eine Praxis, in der sie Kriegs- und Folteropfer behandelt. Oft sind ihre Klienten in einem Asylverfahren und werden von Anwälten oder Ärzten überwiesen. Die Traumatherapeutin publizierte zahlreiche wissenschaftliche Artikel zu diesen Themen und absolvierte Einsätze in Bosnien, Kosovo und in Ruanda.

Quelle: www.thunertagblatt.ch, 23.12.2023, Alexander Suri